„Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.“ Ich war immer Anhänger dieses Zitates von George Bernard Shaw. Aber auf der Reise habe ich erlebt, dass „normal“ einfach nicht existiert. Es ist eine Illusion, zu sagen man sei „normal“. Was bitte soll das sein?

„Verrückt“ hingegen gibt es wohl doch, entgegen meiner Arbeitshypothese im Buch. Anscheinend bin ich im Zeitalter des Verrückten gelandet. Donald Trump ist nur einer von vielen Teufeln, die sich und ihrem Wahnsinn in der ganzen Welt Gehör verschaffen. Und vor meinen Augen zerbrechen Institutionen, die ich für unkaputtbar gehalten habe. Die Briten sind die ersten, aber wahrscheinlich nicht die letzten, die den friedlichen Zusammenschluss der europäischen Völker nicht mehr genügend wertschätzen, um sein Wanken auszuhalten. Als sei die EU ein verlottertes, trudelndes Kreuzfahrtschiff, das Leck geschlagen ist. Und nun sammelt einer der Offiziere seine Wachen und entert mit ihnen die Rettungsboote. Dass es eine Fahrt ins Ungewisse wird und nicht der Übergang auf ein neues, sichereres Kreuzfahrtschiff, das wird wohl einigen erst jetzt klar. Trotzdem, damit geben die Briten unser gemeinsames Boot auf, weil sie nicht mehr an die immer verzweifeltere Parole unserer Steuerleute „Gemeinsam sind wir stark“ glauben wollen.

Stimmt das denn überhaupt? Wie stark macht uns das WIR?

Der Impuls zu meiner Reise, zu meinem Wandermärchen, war auch die Suche nach Gemeinschaft, da ich mich der Zukunft auf mich allein gestellt nicht gewachsen sehe. Gefunden habe ich Einzelkämpfertum, Verunsicherung und Sehnsucht nach einem WIR. Die Sehnsucht ist zwar weitverbreitet, aber wie eine große Gemeinschaft herzustellen und zu stärken ist, da herrscht doch eher Ratlosigkeit – wir erleben seitdem ja auch ständig das Gegenteil, eine Trennung nach der anderen. Unser Land spaltet sich genau wie andere Nationen bei der Suche nach Lösungen. Und es sind anscheinend gerade die eigenen Landsleute, für die wir am wenigsten Verständnis aufbringen. „Du bist nur so stark, wie das schwächste Glied in deiner Kette“, dieses Sprichwort kommt mir in den Sinn. Jeder Mensch ist Teil verschiedener Ketten, ich kann bei meiner Familie beginnen und bei allen Geschöpfen des Universums enden (was weiß ich schon über Leben oder Nichtleben in der nächsten Galaxie…).

Wenn ich an die Menschen denke, die ich auf meiner Reise getroffen habe, so waren das starke Persönlichkeiten, die fest im Leben standen. Menschen, die meine Kette eigentlich reißfest machen sollten. Warum es sich trotzdem nicht anfühlt, als würde ich in einer starken Gemeinschaft leben, das versuche ich seit meiner Rückkehr zu verstehen.

Vielleicht liegt es daran, dass individuelle Stärke und Talente viel zu selten für die Gemeinschaft eingesetzt werden. Im Zentrum unseres Handelns liegt immer noch der Alltag, die Arbeit, das Festhalten am „Normalen“  –  ich nehme mich da überhaupt nicht aus. Aber so müssen wir eben mitansehen wie sich unsere Gesellschaft immer weiter spaltet: in arm und reich, in jung und alt, in rechts und links, in Stadt und Land. Und warum verwenden wir nicht alle Kraft, alle Fähigkeiten, all unsere Lebenszeit darauf, alte Wege zu verlassen und neue zu suchen?
Vielleicht, weil wir nicht daran glauben, dass es uns auch als Individuum damit besser geht. Vielleicht, weil wir uns allein stärker fühlen und keine Verantwortung für andere übernehmen wollen. Vielleicht, weil uns der Illusion hingeben, dass wir unsere Kette nur verkleinern und von schwachen Gliedern befreien müssen, damit sie stärker wird. Vielleicht, weil wir akzeptieren müssen, was wir sehen und wissen – um handeln zu können.

Dass ich dieses wankende Schiff als Einzelperson, als Anna Magdalena, wieder seefest machen könnte – keine Chance, das weiß ich jetzt.
Ob wir eines Tages uns selbst und uns auch gegenseitig vertrauen, an unsere Kraft als Gemeinschaft glauben, ob wir mit Geduld, Spucke, Kreativität und Liebe die schwachen Glieder unserer Kette stärken statt sie auszusortieren – ich hoffe es.
Dass wir das zusammen hinbekommen könnten – für mich keine Frage. Es wird nur immer schwerer, je länger wir warten.

Was uns hindert? Ich weiß es nicht. Wir sind nicht schwach. Oder dumm. Oder faul. Oder verrückt.
Und wir wissen ja, was auf dem Spiel steht.

 

Ausgleich

So mancher hat sich wohl die Welt

Bedeutend besser vorgestellt –

Getrost! Gewiß hat sich auch oft

Die Welt viel mehr von ihm erhofft!

Eugen Roth

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