Ich sitze in Platjenwerbe und schaue auf einen Garten, den ich schon lange kenne, aber heute mit anderen Augen sehe. Ich bin bei meiner Tante und war als Kind schon oft hier – nebenan stand das Haus meiner Großeltern, mein Vater ist hier im Dorf aufgewachsen. Das war es auch früher noch, ein Dorf. Nun ist es Bremer Einzugsgebiet und Rückzugsraum für Anwälte und Anlageberater, die hier Bungalows hochziehen, welche so gar nicht in das Bild meiner Kindheitserinnerungen passen wollen.

Immerhin, der Garten ist noch genauso schön, auch das Feld dahinter ist noch da, der Blick kann schweifen. Trotzdem kann ich es nicht mehr übersehen: die Stadt hat mich wieder. Gestern, als ich von Vegesack nach Bremen gefahren bin, eine lange Strecke durch Villengebiete, Problemviertel, Industrieparks, Büro-Komplexe und schließlich in der herausgeputzten Bremer Altstadt landete, da wurde mir klar: das hier ist mehr, als man unter einer Überschrift fassen kann.  Je größer die Stadt, desto schwieriger wird es, sie zu fassen zu bekommen. Denn jedes Viertel hat seine eigene Geschichte, jede Straße, ja eigentlich sogar jedes Haus.

Meine Tante beschäftigt sich viel mit der Vergangenheit, sie erforscht und bewahrt Geschichten. Sie kann über jedes Haus im Ort etwas erzählen, sie liebt es, alte Persönlichkeiten und Lebenswege ans Licht zu holen.

Das wäre in der Stadt ja nicht möglich, kein Mensch kann all diese Geschichten bewahren. Und wenn doch, würde es uns denn helfen? Wie geht man mit Gegenwart und Zukunft um, wenn man viel über die Vergangenheit weiß?

Platjenwerbe wird mancherorts das „gallische Dorf“ genannt, weil es den Bewohnern hier gelungen ist eine große Neubau-Wohnanlage zu verhindern. Denn natürlich wollen alle in den einen Ort ziehen, der sich noch am meisten Ursprünglichkeit erhalten hat. Vielleicht schätzt man die Dinge mehr, deren Geschichte man kennt?

Morgen ist für mich ein großer Tag: nach über zwei Monaten Wanderschaft geht es zurück nach Hamburg, so dass ich genau zum WM-Finale wieder in der Stadt bin. Nicht beabsichtigt, eher Zufall. Ehrlich gesagt habe ich etwas Angst davor. Unüberschaubar viele Menschen, Lärm, und Häuser, deren Geschichte keiner kennt.

Ich habe mich in den zwei letzten Monaten so intensiv mit meiner „Heimat“ auseinandergesetzt wie noch nie in meinem Leben. Und trotzdem ist da das schale Gefühl, dass ich nur auf der Oberfläche vorübergesaust bin. Dass ich immer noch mehr Zeit gebraucht hätte, um wirklich zu begreifen. Sehen, ja, das kann ich auf den ersten Blick. Aber verstehen, das dauert.

Also werde ich mich ab Montag in mein Heim zurückziehen und versuchen zu verstehen. Und mal nachfragen, wer eigentlich vor mir unter meinem Dach gelebt hat… Vielleicht hilft es ja?!

Danke an dieser Stelle all jenen, die mir Einblick gewährt haben in ihre Geschichten und Lebenswelten im NORDEN. Das hier war erst der Anfang, aber ein sehr bewegender Anfang. Danke an alle, die diese Reise begleiten. Ihr werdet von mir hören! (:

 

 

 

 

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