Ich bin im Süden. Geographisch ja schon eine Weile, gefühlt erst seitdem jemand von “Dortmund, da oben“ sprach. Wenn Dortmund oben ist, dann muss ich wohl endgültig unten sein. Die Weinstraße habe ich hinter mir gelassen, die Badener auch, nun bin ich wieder im Schwabenland. Wieder, weil ich in Stuttgart an der Musikhochschule studiert habe, diesen Studiengang, den keiner kennt: Rezitation. Oder „Diplom-Gedichte-Sprechen“ wie ich es der Einfachheit halber nenne.

Ich dachte, ich kenne mich hier aus, zumindest etwas. Aber ich muss mal wieder feststellen, dass doch alles anders ist.
Die Badener sind wirklich anders als die Schwaben und die Pfälzer waren mir bis dato gänzlich unbekannt. Ich werde jetzt ganz bestimmt nicht den Fehler machen und versuchen, nach ein paar Tagen im Süden eine Charakterstudie der jeweiligen Lokaleigenheiten abzuliefern.

Ich fühle mich hier im Süden weiter weg von zu Hause, was ich ja auch bin, wenn ich Hamburg oder das Ruhrgebiet als mein Zuhause sehe. Selbst Dortmund ist jetzt oben!

Was mir zu denken gibt: warum suchen scheinbar alle, auch ich, immer nach Unterschieden? Linksrheinisch und rechtsrheinisch, Badenland und Schwabenland, Ost und West, Hamburg und Berlin, Deutschland und Griechenland, Russland und USA, Erdenbürger und Marsianer. (Ok, letztere haben mich noch nicht eingeladen. Aber ich kann warten …)

Wir wollen die Unterschiede sehen, uns abgrenzen, den eigenen Raum und vielleicht auch Wert an dem festmachen, was wir nicht sind. Wäre es nicht viel logischer nach den Gemeinsamkeiten zu schauen?

Je länger ich unterwegs bin, umso mehr langweilen mich die Unterschiede. Denn sie sind gleich. Wir sind uns alle so ähnlich, dass wir uns sogar in den Unterscheidungen gleichen!
Ich finde das beruhigend. Es bedeutet ja, dass wir nicht weit voneinander entfernt sind. Wir sind uns nah. Und das bedeutet, dass uns ähnliche Dinge ängstigen, beschäftigen, erheitern. Wie entspannend. Ich muss mich nicht abgrenzen oder hervorheben. Alle wollen das. Und damit wird es mir sowieso nie gelingen.

Ich liebe das Individuelle und vertrete die Meinung, wir dürften in Deutschland mehr Individualität zeigen. Uns den anderen mit unserer ganzen Verrücktheit zumuten. Denn auch darin sind wir uns ähnlich: wir sind alle verrückt, selbstverständlich jeder auf seine Weise!

Im Moment sehne ich mich nach einem Stammcafé. Einem Ort, wo man mich mit Namen begrüßt und weiß, dass ich meinen Milchkaffee mit Honig trinke. Wo ich immer am gleichen Platz sitze und Leute beobachte oder mit dem Besitzer plaudere. Ich glaube, viele wollen das. Zugehörigkeit. Man lernt es sehr schätzen, wenn man es nicht hat; als Langzeit-Reisender verzichtet man immerhin freiwillig darauf. Aber je länger so eine Reise dauert, umso stärker gewinnt Vertrautes an Stellenwert, das Heimische wird zum Sehnsuchtsort.

Sollten Sie Fernweh haben, nicht in den Urlaub können, mich um meine stete Reise beneiden – glauben Sie mir, ich beneide Sie auch. Da sind wir gleich …

 

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