Lüneburg ist eine hübsche Hansestadt mit 73.000 Einwohnern an der Ilmenau, mit Kanälen, Brücken, Stadtmauern, einer alten Salzstraße, einer Uni und vielen Rosen. Manche davon rot. Die Telenovela „Rote Rosen“ wird hier gedreht, seit 2006 kann man jeden Wochentag das Alltags-Drama um eine Frau Mitte 40 verfolgen.

Nun ist es so, dass Fernsehen noch Macht hat und eine Serie eine Stadt verändern kann. Der Tourismus hat stark zugenommen, ein Hotel verkauft ca. 3700 Mal im Jahr das Arrangement „Rote Rosen“ und meine Gastgeberin berichtete von Süddeutschen, die sich während der Serie in das Städtchen verlieben, ihre Koffer packen und sich dauerhaft ein neues Leben hier aufbauen. Verrückt, könnte man meinen.  Oder man kann es auch ganz pragmatisch sehen – jemandem gefällt, was er sieht, und er verwirklicht sich seinen Traum. Aber was passiert, wenn Schein und Wirklichkeit dann aufeinander treffen?

Lüneburg ist auf Salz gebaut. Das Salz lag unter der Stadt, wurde in Massen abgetragen und hat Hohlräume hinterlassen. Und nun sackt die Stadt ab, es hängen Straßen durch, Häuser müssen eingerissen werden, in der Michaeliskirche stehen Balken schief und es gibt das „Tor zur Unterwelt“, ein Tor, das völlig ist sich zusammengesackt ist.

Diese brüchigen Bilder passen nun so gar nicht zu der romantischen Kulisse der Serie. Aber vielleicht doch. Denn es ist ja der Wunsch nach einer heilen Welt, der sich im Leben mit und durch so eine Telenovela ausdrückt. Ein modernes Märchen, das bis ins kleinste menschliche Begegnung aufschlüsselt, wo keine Irritationen entstehen können, Gut und Böse klar erkennbar sind und am Ende die Guten ihr Glück in einer Beziehung finden.

Es kann doch nur Unsicherheit sein, das Gefühl, die Dinge nicht einschätzen, nicht beeinflussen zu können, die so eine Traumwelt attraktiv machen (für hauptsächlich Frauen zwischen 20 und Ende 40, heißt es). So attraktiv, dass eine ganze Stadt zum Magneten wird, nur noch als Kulisse wahrgenommen wird.
Auch wenn es Geld bringt, Tourismus fördert und „kostenloses Stadtmarketing“ ist – es ist wie Salz. Wenn wir zu viel davon haben wollen, stürzt alles ein.

Da wären wir auch schon beim Thema Fracking.

 

P.S.:
Der Name der zentralen „Rosenstraße“ soll übrigens daher rühren, dass der Henker aus Bardowiek, der in Lüneburg seinen Job gemacht hat, unter jede Leiche eine rote Rose gelegt hat. Aber vielleicht auch ein modernes Märchen, wenn auch von einer etwas anderen Sorte …

 

 

Gelesen:
Essen Sie bei mir, dann verhungern wir beide nicht!

Gehört, von einem Amerikaner:
The german stare! (Die Deutschen starren!)

Gelernt:
Man hat keine Lust, Fotos zu machen bei starkem Gegenwind. Auch nicht von der Lüneburger Heide.

Gedacht/gefühlt:
wenn ich eine Wiese sehe, denke ich neuerdings sofort an: hinlegen. Und ich sehe viele Wiesen.

 

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