Thüringen – ein Bundesland voller Freuden: sagenhafte Bratwürste, sanfte Täler, kräftiges Bier und tiefe Wälder. Und ein Bundesland voller Geschichte: Weimar, Jena, Erfurt, Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Novalis, Luther, List,– Schriftsteller, Musiker, Maler, Wissenschaftler, wahrscheinlich jeder, der noch heute in der Schule auftaucht, war mal da.

Auf meinem Weg nach Jena und Weimar habe ich ein Hörbuch gehört – „The Circle“ von Dave Eggers. Darin geht es um einen Internetkonzern, der in beängstigender Schnelligkeit die Kontrolle über den gesamten Lebensbereich der Menschheit übernimmt. Ein fesselndes Buch, weil die Geschichte so real erscheint und so trostlos endet.

Und noch voll in der Welt des Circle gefangen, betrat ich nun Schillers Gartenhaus in Jena und Goethes Residenz in Weimar. Das konnte ja nicht gutgehen: Auf einmal sehnte ich mich ganz furchtbar in die Zeit der großen Dichter und Denker: Briefe, Kutschen, Balladen, Dramen, Ratskeller. Denken, diskutieren, forschen, dichten, malen, reiten, lieben!

Die Zitate, Bilder und Ansichten der Schriftsteller stimmten mich wehmütig: zum Beispiel Goethes Wunsch, seinen Geist so auszubilden, dass er „nur das Gute wirklich für gut und das Schöne für schön halte“. Das ist das Gegenteil des „Gefällt mir“-Buttons.

Und ich habe mich gefragt, wo sie heute sind: die Dichter und Denker, die ihr ganzes Leben als Studie begreifen. Ob sie überhaupt wahrgenommen werden ohne eigene Facebook-Seite?

Am nächsten Tag besuchte ich die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Da ich schon einmal das ehemalige KZ Auschwitz besucht hatte, wusste ich in etwa, was mich erwarten würde und so habe ich die Führung vorzeitig verlassen. Im Krematorium konnte ich nicht mehr. Die Bilder und Schicksale aus Auschwitz verfolgen mich noch heute bis in meine Träume.

Ich möchte im Land der Dichter und Denker leben. Ich möchte die Poesie eines Novalis auskosten, in Rilkes Tiefen versinken, mit Goethe durch die Nacht reiten und Schillerballaden schmettern. Ich weiß, ich bin hoffnungslos romantisch. Aber ich sehne mich nach etwas, das ich heute nicht mehr finde.

Wie war der Kommentar auf meinen Blog vom 2. Juli: „Hast Du mal überlegt, dass wir in schwierigen Zeiten leben?“

Ja, ich habe das schön öfter überlegt – ich fürchte, es stimmt. Die Vergangenheit ist schmerzhaft, die Gegenwart anspruchsvoll und die Zukunft ungewiss. Und soziale Netzwerke helfen mir nicht, mit diesen Schwierigkeiten fertig zu werden. Im Gegenteil, sie sind ein Teil des Problems.

Was hilft? Fürs erste eine Thüringer Rostbratwurst. Ein Schwarzbier. Eine Ska-Band auf dem Zwiebelmarkt.
Und eine warme Hand, die sich um meine schließt.

 

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