Und immer und immer der Traum
als winkte, von keinem erreicht
ein Ziel an jeglichem Saum
der Welt, und der Weg wär` leicht.

Aus: Rudolf Alexander Schröder, Ballade vom Wandersmann

 

Liebe Landsleute, nein besser:

Liebe Familie,

zwei lange Sommer habe ich unser Land bereist, habe mich mit dem Rad Hügel und Berge raufgequält, bin Strömen und Flüssen gefolgt, durch Wälder und über Stock und Stein geholpert. Ich habe geflucht, geweint, gejuchzt und überwältigt geschwiegen. Es ist ein schönes Land, das wir da bewohnen, ein wunderschönes. Die Natur ist abwechslungsreich, reichhaltig und hat unendlich viele Gesichter. Wenn ich an sie denke, an die majestätischen Berge, das riesige Meer, Felder, Hügel und Wälder, dann überkommt mich ein tiefes Gefühl der Bewunderung und der Zärtlichkeit. „Das ist mein Land!“ Dass ich das einmal sagen werde, nein, fühlen werde, das hätte ich nie gedacht.

Das hätte ich nicht gedacht, als ich die Idee zu dieser Reise hatte, vor einer kleinen Ewigkeit am Deich. Auch nicht, als ich meine Grundsatzfrage formuliert habe „Bin ich Deutschland?“ (die mir heute etwas verkopft und unzulänglich vorkommt). Ob mein Land mir gerecht werden kann, da bin ich ja mal gespannt – das war unterschwellig meine Haltung. Nach ein paar Wochen habe ich mich dann gefragt, ob ich meinem Land gerecht werden kann. Wie soll ein einzelner Mensch mithalten mit all dieser Schönheit, Vielseitigkeit, mit der langen und bewegten Geschichte? Irgendwann wurde mir klar, dass es nicht darum geht, mitzuhalten. Es geht darum, mein Land kennenzulernen. Und meine Landsleute. Und mich.

Und ihr habt begeistert reagiert, als ich euch gebeten habe, mir eure Türen zu öffnen. Mich teilhaben zu lassen an eurem Leben, euren Erfahrungen, euren Leidenschaften und Gedanken. Und in diesen zwei Jahren habe ich viele von euch kennenlernen dürfen, als Gastgeber, als Publikum, als Austauschpartner. Natürlich ist das nur ein Bruchteil der ganzen Bevölkerung und ich denke nicht, dass „kennste einen, kennste alle“ in diesem Fall zutrifft. Ich kann nicht sagen, wie alle sind. Auch nicht, wie die sind, die ich kennengelernt habe. Ich kann nur erzählen, wie diese Reise mein Verhältnis zu euch verändert hat. Und mein Verhältnis zu mir. Das ist irgendwie passiert. Ich glaube, es hat sich gegenseitig bedingt. Ist ja auch eigentlich logisch, wenn es stimmt was Psychologen sagen: dass die Außenwelt ein Spiegel für uns selbst sein kann.

Ich möchte euch danken. Ihr habt mir vertraut, habt mich unterstützt. Habt mir Geld gespendet, mir Mut gemacht, mir geschrieben, mich eingeladen. Habt mir Betten bezogen, Essen gekocht, die Stadt gezeigt, Publikum für mich eingeladen, euren besten Wein geköpft, meine Wäsche gewaschen, Brote geschmiert und mir notfalls sogar Päckchen hinterher geschickt. Wer würde so etwas tun, außer der eigenen Familie? Oftmals waren meine Gastgeber und ich ganz betrübt, wenn ich weitergefahren bin. Denn wir hatten uns doch gerade erst aneinander gewöhnt, uns manchmal sogar gefunden. Und ich habe dann gesagt: „Ich komme wieder!“, und es ohne Ausnahme so gemeint.

Ich habe meine Familie erweitert, unendlich. Dass ihr mich aufgenommen habt, wirkt wie ein Stein, der ins Wasser plumpst – er zieht endlos viele Kreise. Und ich weiß, dass ich jederzeit wieder an eure Tür klopfen könnte. Oder an andere Türen (denn selbstverständlich machen diese Kreise nicht Halt an den Landesgrenzen, wie rein gar nichts in der Natur Halt an irgendeiner von Menschen gezogenen Grenze macht.).

Ich habe erkannt, dass wir uns ähnlich sind. Dass wir zusammengehören, auch wenn wir noch so verschieden ticken. Und wirklich, nie hätte ich gedacht, dass ich bei diesem Gedanken Freude empfinden könnte, unbändige sogar. Wir sind nicht alle gleich, Gott bewahre, aber wir gehören zusammen. Ist das nicht großartig?

Diese Erkenntnis hat viel Zeit gebraucht. Am Anfang habe ich, wie viele andere auch, immer nach den Unterschieden gesucht. Überall ging es um die Differenzen, bei der Frage nach der Identität kam immer zuerst die Abgrenzung: Die Stadt vorm Dorf, das Dorf vom Nachbardorf, die Ober- von den Niederbayern und die Badener von den Schwaben. Klar, die da drüben sind wirklich komplett anders, auch wenn da nur ein paar Kilometer zwischen liegen. Unbenommen, dass es starke regionale Unterschiede gibt, aber nach ein paar tausend Kilometern fiel mir mir auf, wie sehr wir uns allein in der Betonung dieser Unterschiede ähneln! Anscheinend brauchen wir die Abgrenzung vom Nachbarn, um uns unserer eigenen Identität zu versichern. Wozu wir gehören, fällt uns oftmals schwer zu definieren, aber wir können ganz sicher sagen, wozu wir NICHT gehören. Verrückt, dass wir ausgerechnet daraus Zugehörigkeit entwickelt, die wir, trotz allem, anscheinend dringend brauchen.

Auch ich möchte wohl dazugehören. Hätte ich sonst diese Reise gestemmt? 8.150 km, 92 Gastgeber, 100 Auftritte; Offenbart sich in dieser Kraftanstrengung nicht die Sehnsucht nach einer eindeutigen Zuordnung, nach einem Zuhause im eigenen Land? Und viele von euch konnten meinen Wusch nachvollziehen, haben ihn unterstützt und geteilt.
Aber warum musste ich dafür erst alle Sicherheiten von mir werfen und eine Reise ins Ungewisse wagen?! Mit Mitte 30 keine Wohnung mehr zu haben, kein Einkommen, nie zu wissen, was der nächste Tag bringen wird, hat mich auf vielen Ebenen gefordert. Aber dieser Einsatz erscheint mir heute angemessen. Weil es eben kein leichtes Unterfangen ist, die Suche nach der deutschen Identität, dem ominösen, nicht greifbaren WIR. Es ist für mich – und an dieser Stelle muss ich zu diesem großen WIR greifen –, es ist für UNS spürbar nicht einfach, uns landesweit als Gemeinschaft zu sehen und uns gut dabei zu fühlen. Der Nationalsozialismus ist in unserem Bewusstsein, wann immer es „wir Deutsche“ heißt. Wir haben Angst, einen falschen Eindruck zu erwecken, in eine rechte Ecke gesteckt zu werden. Auch ich habe das, sogar in dem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe. Ich rede immerhin von Liebe zu meinem Land, da könnte man ja denken…

Aber nur weil Pegida auch von „Liebe zum Land“ spricht, kann ich das jetzt nicht mehr? Die Umkehrung von Worten und Werten, das kennen wir doch schon. Das ist doch ein alter Hut. Meine Liebe meint nicht Angst vor Veränderung oder Fremdheit, meine Liebe entspringt der Verbundenheit mit der Natur, die mich monatelang verzaubert hat. Sie entspringt der Freude, eine Familie gefunden zu haben.

„Ich bin Europäer“ höre ich auch immer wieder. Das ist sicher zeitgemäß und auch notwendig so zu denken, aber trotzdem wählen wir nun mal nicht als Europäer und ich glaube, auch wenn es eines Tages so weit sein sollte, werden wir unser Land nicht so schnell aufgeben. Wir hängen nämlich sehr daran. An der Natur, der Demokratie, der Ordnung – genauso wie an unserer Kultur. Apropos, was soll das sein, „unsere Kultur“:

  • Dichter und Denker?
  • Theater, Musik, Literatur?
  • Bier und Bratwurst?
  • Angeln und Autos?
  • Perfektionismus und Pragmatismus?

Letzteres klingt wenig erfrischend, aber es ist mir auf meiner Reise begegnet. Genauso wie Beharrlichkeit, Vorsicht, Rationalität, Verantwortungsbewusstsein, Genauigkeit und Ernsthaftigkeit. Aber auch Reiselust, Forschergeist, Gastfreundschaft, Familiensinn, Aktivität, Kreativität und Humor. Und Liebe zu unserer Sprache.

Der gelbe Koffer, den ich durch die Lande getragen habe, beinhaltet Teile eines großen Schatzes. Das habe ich auch erst mit der Zeit erkannt, durch die vielen Auftritte. Unsere Sprache, unsere Gedichte gehören zu uns, sie sind Teil unserer Identität. Sie rühren an etwas, das so tief sitzt, dass ich es nur mit „unserer Wurzel“ beschreiben kann. Und diese Wurzel ist auf einmal sehr wichtig geworden, durch den Strom der Menschen, die in unser Land kommen und eine andere Wurzel haben. Oder entwurzelt sind. 

Erst durch euch habe ich verstanden, welches Glück ich mit meinem Beruf habe. Welcher starke und direkte Zugang zu meiner  Wurzel in diesem gelben Koffer steckt. Ich kann in jede Epoche eintauchen, in die Gedanken und Empfindungen unserer Vorfahren. Es sind Bilder, Träume und Erinnerungen unseres Landes, die ich in eure Wohnzimmer bringen durfte und jeder einzelne Auftritt hat mich mir selbst näher gebracht.
Auf meinem Dachboden steht ein riesiger gelber Koffer, der ist mindestens doppelt so groß wie mein kleiner Reisebegleiter. Ihn werde ich mit meinen Reiseerlebnissen, Bildern und Gedichten voll packen. Und ihn nehme ich mit auf die Bühne, um mit euch zu teilen, was dieses Land, was ihr mir geschenkt habt.

Ihr seid mein Spiegel. Und ich habe mich in euch gesehen. Ich bin wie ihr, aber natürlich ganz, ganz anders!

Nein, im Ernst, es macht mich glücklich zu euch zu gehören. Ihr seid meine Familie, und auch wenn ihr mir ab und zu peinlich seid, möchte ich euch um nichts in der Welt eintauschen. Und ihr dürft mich auch nicht eintauschen, selbst wenn ich mal wieder auf dem Fahrrad sitze und aus vollem Halse Schlager schmettere. Und dabei Schlangenlinien fahre – ohne Helm! Das liegt dann nicht am deutschen Bier, sondern an dem Wunsch, dass ihr mich seht. Und hört!

Meiner Familie, der mute ich mich nämlich so zu, wie ich bin.
Kann man sich nicht aussuchen… (:

Ach, was bin ich froh euch zu haben! 

In Liebe
Eure Anna Magdalena

Geh weiter, bewanderter Gast,
Allein geht keiner allein
und je müder, je leichter die Last
und je klarer das Ja und das Nein.

Aus: Rudolf Alexander Schröder, Ballade vom Wandersmann

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